BAG: Was bedeutet der 1. Platz beim „Gender Award 2018“ für die Region Hannover?
Hauke Jagau: Das ist natürlich eine sehr schöne Bestätigung unserer Gleichstellungsarbeit und eine Anerkennung, dass wir in der Region Hannover zum Beispiel Gender Mainstreaming sehr ernst nehmen.
BAG: Wie wurde die Nachricht in der Region aufgenommen?
Hauke Jagau: Sehr gut! Die Presse hat darüber berichtet, es war Gesprächsthema bei uns. Ich wurde auch von Einwohnerinnen und Einwohnern darauf angesprochen, und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich über die Anerkennung sehr gefreut.
BAG: Warum haben Sie sich mit der Region Hannover um den Gender Award beworben?
Hauke Jagau: Weil wir von unserer Arbeit in Sachen Gleichstellung überzeugt sind. Jahrelang haben wir uns auf die Frauenförderung konzentriert. Seit einiger Zeit steht nun für uns das „Gender Mainstreaming“ im Vordergrund. Und das sowohl nach innen als auch nach außen. Die Region Hannover hat rund 3.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und außerdem etwa 16.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei ihren Beteiligungsgesellschaften. Bei allen Vorhaben und Projekten haben wir die unterschiedlichen Lebenssituationen und Bedürfnisse von Frauen und Männern im Blick und entwickeln Angebote, die darauf eingehen.
BAG: Welche Ziele hat sich die Region in Bezug auf Gleichstellung gesetzt?
Hauke Jagau: Die Zukunft liegt in der Gleichstellung! Deshalb werden wir Geschlechterungerechtigkeiten weiter abbauen und daran arbeiten, eine umfassende Gleichstellung wirklich herzustellen. Niemand darf aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden. Dazu dienen auch unsere Programme: So richten sich unsere Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf eben nicht nur an Frauen, sondern auch an Männer. Ein anderes Beispiel ist das Elterncamp, ein Angebot der Koordinierungsstelle Frau und Beruf der Region Hannover, das sich an Väter und Mütter in der Elternzeit richtet. Auch unsere Fortbildungen zu Genderthemen werden gut besucht. Wir müssen Männer und Frauen erreichen, denn alte Rollenbilder sind noch stark verankert und werden noch einige Zeit brauchen, um sich zu verändern. Daran arbeiten wir.
BAG: Welche Stolperfallen, welche Hürden sehen Sie? Worin sehen Sie die Herausforderung, Gleichstellung in der Region Hannover weiterzuentwickeln?
Hauke Jagau: Ich glaube sagen zu können, dass es in unserer Behörde keine Benachteiligungen von Frauen mehr gibt – im Unterschied zur Gesamtgesellschaft. Und da gibt es viele strukturelle Probleme: Solange Arbeitgeber zum Beispiel zahlen müssen, wenn Mitarbeiterinnen wegen Schwangerschaft ausfallen, ist strukturell etwas falsch. Denn das führt möglicherweise dazu, dass Arbeitgeber lieber einen Mann, als eine Frau einstellen. Als Herausforderung sehe ich, dass es eine Art Rollback in der Gesellschaft gibt. Ich beobachte, wie manche Strömungen wieder alte Geschlechterrollen zurückholen wollen, bei denen die Frauen für Kinder und Herd vorgesehen sind. Auf der anderen Seite werden manche Dinge zu einseitig bewertet, die „# metoo“- Debatte zum Beispiel. So wichtig das Thema ist, sollte es dabei nicht um immer mehr Verbote oder Regeln gehen, sondern um Eigenverantwortlichkeit. Ich sehe gesellschaftlich so eine Tendenz, die nicht auf Offenheit und Freiheit baut, sondern auf mehr Obrigkeit zielen und ein großes Gewicht auf Sicherheitsfragen legt. Statt um Toleranz und Selbstverantwortung geht es um Autorität. Das macht mir Sorgen, weil ich möchte, dass Menschen frei sind. Autoritäre Verhältnisse sind nie förderlich für die Gleichberechtigung. Der Populismus ist deshalb auch eine Gefahr für die Gleichstellung. Denn die Gesellschaft wird dadurch intoleranter und das Bedürfnis nach Regeln und Gesetzen steigt.
BAG: Welche (neuen) Ansätze, Projekte oder Maßnahmen gibt es, um Gleichstellung in der Region zu fördern?
Hauke Jagau: Zum Beispiel unser Führungskräftetraining. In den insgesamt 21 Modulen gehören Genderaspekte zum „Pflichtprogramm“. So schaffen wir Sensibilität für das Thema. In unserer Personalentwicklung haben wir Mentoringprogramme für Männer und Frauen, und auch in der Orientierung für junge Leute spielt Gleichstellung eine wichtige Rolle für die Arbeitszufriedenheit. Auch der Fachkräftemangel spielt uns in diesem Fall in die Hände. Ein Problem ist allerdings, dass sich Frauen höhere Aufgaben häufig nicht zutrauen, deshalb haben wir ein spezielles Angebot, bei dem es darum geht, Zweifel auszuräumen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Denn unser Ziel ist es auch, Führungspositionen auf allen Ebenen paritätisch zu besetzen. Im höheren Dienst haben wir inzwischen sogar mehr Frauen in Führungspositionen als Männer, bei den Fachbereichsleitungen im mittleren Dienst ist noch Luft nach oben. Aber in allen wichtigen Vorhaben achten wir auf die ausgewogene Teilhabe von Frauen und Männern, so zum Beispiel durch Bürgerbeteiligung bei der Nahverkehrsplanung und bei der regionalen Raumplanung.
BAG: Welche Tendenzen beobachten Sie in Bezug auf Gleichstellung in der Praxis, Frauen in Führungspositionen, Parité in Gremien, geteilte Sorgearbeit?
Hauke Jagau: Im öffentlichen Dienst sind bei uns Frauen in Führungspositionen inzwischen „normal“. Einen Mangel gibt es immer noch in Aufsichtsräten. Beim Thema „Carearbeit“ geht es natürlich um eine bessere Bezahlung und um mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Bei der Aufteilung der Familienarbeit müssen Männer angesprochen werden. Wenn Frauen mit guten Bildungsabschlüssen zurückfallen, weil sie sich für Kinder entscheiden, ist das ein Problem. Wir können ja sehen, dass gerade gut gebildete Frauen häufiger auf Kinder verzichten. Deshalb ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf existenziell für unsere Gesellschaft, deshalb sind auch Kitaplätze existenziell.
BAG: Wie sieht es mit der Gleichstellung in Ihrer Familie aus, wie wichtig ist das Thema für Ihre Kinder?
Hauke Jagau: Als Regionspräsident habe ich viele Termine und bin häufig beruflich unterwegs. Die Aufteilung der Hausarbeit ist bei uns daher ganz „klassisch“: Meine Frau hält mir zu Hause den Rücken frei und hat die Kinder aufgezogen. Wir haben dieses Modell damals verabredet. Keine Ahnung, ob ich damit ein schlechtes Rollenvorbild für meine Söhne bin, das müssen Sie meine Söhne fragen.